Rede von Nationalrätin Samira Marti anlässlich der Eröffnungsfeier der 15. Ausgabe des Filmfests BILDRAUSCH in Basel. Es gilt das gesprochene Wort.
Geschätzte Anwesende
Wenn die Historiker:innen einmal auf diese Zwanzigerjahre zurückblicken, sie werden viel zu berichten haben. Wir leben in turbulenten Zeiten. Pandemie, Ukraine-Krieg, Crash der Credit Suisse. Und seit Trump zum autoritären Herrscher der mächtigsten Nation der Welt gewählt wurde, haben sich die weltpolitischen Ereignisse nochmals deutlich beschleunigt. Und unberechenbarer, chaotischer, brutaler gemacht.
Der Angriff auf die Selbstbestimmungsrechte der Frauen, die beschämende Selbstbereicherung im weissen Haus, die gewaltvolle Ausschaffung von Kindern, die Androhungen gegenüber Kanada und Grönland, die völkerrechtswidrigen Militärinterventionen in Venezuela, der Krieg im Iran. Und über allem unser Weltklima, das Jahr für Jahr neue Rekordwerte erreicht und es trotzdem kaum mehr jemanden zu interessieren scheint. Ich erspare Ihnen die detailliertere Zusammenfassung dessen, was wir ja alle täglich in den News lesen.
Angesichts dieser Düsterkeit verlieren viele die Hoffnung auf Besserung. Eine Mehrheit der jungen Menschen glaubt heute, dass ihre Zukunft schlechter sein wird als die ihrer Eltern. Da stellt sich unweigerlich die Frage: Woraus schöpfen wir in solchen Zeiten Hoffnung?
Hoffnung. Ich werde sehr oft danach gefragt. «Frau Marti, was gibt Ihnen in dieser düsteren Zeit Hoffnung?» So oft höre ich diese Frage.
Als Politikerin ist es fast zwingender Teil des Stellenprofils, Optimistin zu sein. Wer nicht an Veränderungen glaubt, ist im Bundeshaus wohl am falschen Ort. Wenn ich nicht daran glaube, dass meine Arbeit wirksam ist, dann kann ich mir durchaus einen gemütlicheren Alltag vorstellen.
Aber so einfach ist das eben doch nicht. Da bin ich jetzt ganz ehrlich mit ihnen. «Frau Marti, was gibt Ihnen Hoffnung?» Manchmal raufe ich mir ab dieser Frage die Haare und denke: Why the hell should I know?
Ja, manchmal sitze ich im Zug nach Bern, und frage mich, wozu? Die Welt brennt und ich werde jetzt stundenlang über die Alkoholkonsumempfehlungen des Bundes diskutieren. Irgendwie lächerlich.
Als mich Ihre Anfrage erreichte, war das also Freude und Fluch zugleich. Susanna schrieb in ihrem Brief, ich solle doch meine Perspektive zum Thema «Zuversicht» mit dem Publikum heute Abend teilen. Meine Arbeit sei von der Überzeugung geprägt, dass Veränderung möglich ist – eine Kraft, die für viele ein Vorbild sei.
Zuerst einmal: Danke für die Blumen. Aber Sie merken: Mir geht es da nicht so viel anders als Ihnen. Die Aufgabe, die sich mir heute Abend stellt: Gar nicht mal so einfach!
Also habe ich die letzte Zugfahrt nach Bern etwas weniger über die Alkoholempfehlungen sinniert und etwas nachgedacht. Was ist es denn, was mir Hoffnung, was mir Zuversicht gibt?
Als erstes sehe ich die leuchtenden Kinderaugen meiner Tochter. Sie ist 13 Monate alt und kann seit ein paar Wochen laufen. Der Schalk, mit dem sie mich anblinzelt, und dann davonrennt, verzaubert unweigerlich und sagt mir, das alles schon irgendwie gut kommen wird.
Schnell erzählt wären an dieser Stelle auch die Heldengeschichten. Mutige Frauen und Männer, die den Verlauf der Weltgeschichte entscheidend geprägt haben, nicht selten unter Einsatz ihres Lebens. Sophie Scholl, Martin Luther King, Nelson Mandela, Patrice Lumumba, Olympe de Gouges, Rosa Luxemburg, Paul Grüninger, Lilo Frey. Es gäbe viele weitere zu erwähnen.
Es gibt aber auch andere. Geschichten mit weniger Pathos. Menschen wie Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow. Die meisten können mit diesem Namen wenig anfangen, und doch hat er die Menschheitsgeschichte wie kaum ein anderer geprägt. Am 26. September 1983 verhinderte der sowjetische Oberleutnant einen Atomkrieg und damit den dritten Weltkrieg.
Er war ausser Dienstplan in dieser Nacht in der Moskauer Überwachungszentrale eingesprungen, zur Schichtleitung des Satellitenfrühwarnsystems. Kurz nach Mitternacht meldete das System eine Warnung: Eine amerikanische Rakete mit zwölf nuklearen Sprengköpfen sei auf dem Weg in die Sowjetunion.
12 Minuten blieben Petrow um zu entscheiden, was zu tun sei. Er beschloss, nichts zu tun. Er befahl den zweihundert Mitarbeitenden, abzuwarten, erhielt von seinem Vorgesetzten eine Rüge, weil er das Dienstprotokoll nicht ausgefüllt hatte, und rettete dabei die Welt. Später stellte sich, wie wir alle wissen, heraus, dass die Meldung im System ein Fehler war.
Ich denke viel an Herrn Petrow. Er hat nicht sein Leben geopfert, hat nicht nach höheren Ämtern, nach Einfluss und Macht gestrebt. Er war kein Messias, kein Auserwählter, kein Revolutionär. Er war ein ganz normaler Mensch, der sich dafür entschied, das Richtige zu tun. So wie viele andere. Freiwillige, die Deutsch für Asylsuchende unterrichten. Menschen, die bei sexualisierten Übergriffen nicht wegschauen. Junge Ungar:innen, die sich mit ihrer Stimme Viktor Orban erfolgreich entgegengestellt haben.
Und das ist es, was mir Zuversicht gibt. So viele Menschen entscheiden sich Tag für Tag für das Richtige. Ganz unaufgeregt, ohne Pathos. Einfach aus der inneren Überzeugung. Auch wenn eigentlich alles dagegenspricht. Und stellen sich damit der Gleichgültigkeit entgegen, dem schlimmsten Feind der Hoffnung.
Gerade der Film hat die Kraft, diese Alltagshelden und -heldinnen sichtbar zu machen und damit uns Zuschauende zu inspirieren.
Und darum möchte ich mich heute Abend bedanken für die treffende Themensetzung der 15. Ausgabe von BILDRAUSCH «Mit Zuversicht, und du?». Ich freue mich auf mutige und zärtliche Geschichten, die zeigen, wie wir handlungsfähig bleiben können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein wunderschönes Filmfest. Es lebe die Zuversicht, es lebe der Film, es lebe das Leben.
