Woher nehmen wir die Hoffnung?

Rede anlässlich des 1. Mai 2022, Schaffhausen/Chur

Es gilt das gesprochene Wort.

In diesen Stunden zieht das Elend über unseren Planeten. In Afghanistan, Syrien und im Jemen leben Millionen von Menschen in zerstörten Städten und in fundamentalistischen Regimes ohne Perspektive auf eine lebenswerte Zukunft, vergessen von der Welt, vergessen von der Öffentlichkeit und ohne Solidarität. Einsam und sich selbst überlassen.

In Kenia, Somalia und Äthiopien kämpfen die Menschen ums Überleben aufgrund einer starken Dürre. Die extreme Trockenperiode, eine Folge der weltweiten Klimaerwärmung, zerstört die Ernten der Kleinbauerfamilien. Die weltweit stark angestiegenen Lebensmittelpreise machen die Situation für sie noch schlimmer. 14 Millionen Menschen sind vom Hunger bedroht.

In der Ukraine sind im aggressiven Angriffskrieg vom Putin bereits tausende Menschen gestorben, über fünf Millionen haben das Land verlassen, weitere 7 Millionen sind Binnenvertriebene. Die Bilder in Butscha machen uns fassungslos und lassen nur erahnen, welche anderen Kriegsverbrechen in der Ukraine in diesem Moment verübt werden. 

In Russland sind tausende Unschuldige in Haft, weil sie ihre Stimme gegen den Diktator erheben. 20 Millionen Russinnen und Russen leben unter der Armutsgrenze. Viele weitere Millionen sind absolut perspektivenlos.

Angesichts dieser Unendlichkeit des Schreckens verlieren viele, vielleicht auch einige von euch, die Hoffnung auf Besserung. Vor lauter politischen Abwehrkämpfen – vor einer Woche konnte eine rechtsextreme Putin-Freundin immerhin als französische Präsidentin verhindert werden – fehlen die echten Perspektiven auf bessere Zeiten.

So viel Elend, Tod, Zerstörung. So viel Einsamkeit und Angst. So viel Verzweiflung. So stark das Gefühl, dass die Menschheit ihre eigene Geschichte wiederholt.

Woraus schöpfen wir in solchen Zeiten Hoffnung?

Immer wieder fragen mich das Menschen. Warum ich überhaupt Politik mache, ob ich in solchen Zeiten nicht die Geduld verliere, wir, die in unseren feingliederigen Institutionen arbeiten, in politischen Strukturen, die bewusst darauf angelegt sind, dass Veränderung immer einen schwerläufigen und langsamen Prozess durchlaufen muss.

Angesichts der vielen Krisen, die diese Welt beherrschen, verlieren Sie den Glauben an eine bessere Welt. Dabei ist es der tiefe Glaube, ist es die Hoffnung auf eine Zukunft, die Vorstellungskraft, also die gedankliche Kreativität, die immer wieder die Welt und die Menschheit auf den Kopf gestellt haben. Und wenn dieser Glaube fällt, wenn die letzte Visionärin kapituliert angesichts des Elends, dann kommt erst recht die Zeit der Monster.

Denn wenn schon, dann sind es die Untätigen, die die tiefen Abgründe unserer Vergangenheit und gegenwärtig zu verantworten haben, nicht die, die am Versuch und an ihrer Vision vielleicht gescheitert sind. Es in den trostlosesten Zeiten trotz alledem zu versuchen und daran zu glauben, ist der wirkungsvollste, wenn nicht sogar der revolutionärste Moment, der uns heute bleibt.

Uns heute zu versammeln, am 1. Mai, am Tag der Arbeit, und damit uns selbst und den Mächtigen dieser Welt zu zeigen: Wir halten zusammen. Wir kämpfen gemeinsam. Wir wehren uns gegen Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Krieg und Ausbeutung. Wir glauben an eine Welt der Menschlichkeit, des Friedens, der Fürsorge und der Gerechtigkeit. Für uns, und für alle anderen auf diesem Planeten, und für alle, die noch zu uns stossen werden.

Dieses Jahr steht der 1. Mai für mich persönlich für diesen Zusammenhalt. Für diesen Glauben, den Gemeinsinn. Den Widerstand.

Denn wer kämpft schon gerne alleine. Einsamkeit macht Angst. Einsamkeit macht hörig. Kämpferisch sind wir nur gemeinsam. Bei seiner Schlussrede vor dem Moskauer Stadtgericht vor gut einem Jahr sagte der russische Oppositionelle Alexej Navalny, der heute in einem russischen Arbeitslager eingesperrt ist:

Und das ist das Wichtigste, was dieser Machtapparat, was unser ganzes System (und er meint damit den russischen Staat) den Menschen sagen will: »Du bist allein. Du bist ein Einzelgänger.« Zuerst Angst einjagen und dann zeigen, dass du allein bist. Ja, die Sache mit der Einsamkeit ist sehr wichtig. Es ist ein sehr wichtiges Ziel dieses Regimes. Übrigens hat die großartige Philosophin Luna Lovegood es ausgezeichnet auf den Punkt gebracht. Wissen Sie noch (sagt Nawalny zur Richterin), die aus Harry Potter? Als sie sich in einer schwierigen Zeit mit Harry Potter unterhält, sagt sie: »Es ist wichtig, sich nicht einsam zu fühlen. Denn an Voldemorts Stelle würde ich sehr wollen, dass du dich einsam fühlst.« Unser Voldemort in seinem Palast will das natürlich auch.

Auch wenn ich natürlich aus dieser Harry Potter Generation komme – Navalny hätte mich auch ohne dieses schöne Zitat von Luna Lovegood überzeugt. Denn die Unterdrücker, die Putins dieser Welt, wollen nichts anderes, als dass wir uns einsam fühlen und aufgeben. Und es sind Menschen wie Nawalny, die es trotz alledem versuchen. Und zwar nicht alleine, sondern mit Gleichgesinnten. Für die Freiheit und die Demokratie.

Ohne solche Menschen wären wir heute alle nicht hier. Sie heissen Sophie Scholl, Martin Luther King, Mandela, Patrice Lumumba, Olympe de Gouges. Rosa Luxemburg. Paul Grüninger. Lilo Frey.

Es gibt aber auch andere. Mit weniger Pathos. Menschen wie Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow. Die meisten können mit diesem Namen wenig anfangen. Und doch hat er die Menschheitsgeschichte wie kaum ein anderer geprägt. Am 26. September 1983 verhinderte der sowjetische Oberleutnant einen Atomkrieg und damit den dritten Weltkrieg. Er war ausser Dienstplan in dieser Nacht in der Moskauer Überwachungszentrale eingesprungen, zur Schichtleitung des Satellitenfrühwarnsystems. Kurz nach Mitternacht meldete das System eine Warnung. Das hiess: Eine amerikanische Rakete mit zwölf nuklearen Sprengköpfen ist auf dem Weg in die Sowjetunion. 12 Minuten blieben Petrow um zu entscheiden, was zu tun sei. Er beschloss, nichts zu tun. Er befahl den 200 Mitarbeitenden, abzuwarten. Erhielt von seinem Vorgesetzten eine Rüge, weil er das Dienstprotokoll nicht ausgefüllt hatte. Und rettete dabei die Welt.

Wenn ich die Bilder aus Butscha, aus Mariupol und aus Odessa sehe, und mich die Menschen fragen: Woraus schöpfen wir in Zeiten wie diesen Hoffnung?

Dann denke ich an Stanislaw Petrow. Er gibt mir Hoffnung. Weil ich weiss, er war kein Messias, kein Auserwählter, kein brillanter Rhetoriker, kein Megafon-Politiker. Er war ein stinknormaler Mensch, der sich dafür entschied, das Richtige zu tun. Denn das können wir schliesslich alle. Für uns in der Schweiz heisst das: Solidarität zeigen mit den Geflüchteten, endlich die Kriegsfinanzierung in der Schweiz stoppen und ja, auch den Armeefetischisten ein für alle Mal klar zu machen: Die Ukrainerinnen und Ukrainer haben selbstverständlich ein Recht auf Selbstverteidigung. Ich finde ihren Mut und Durchhaltewillen, für ihre Freiheit zu kämpfen, eindrücklich. Aber es wird nicht reichen. Krieg kann nicht einfach nur mit Krieg beantwortet werden. So wie Rechtsextremismus nicht mit Fremdenfeindlichkeit bekämpft wird. Rüstungswettrennen stoppt man nur mit Diplomatie, echter Frieden erreichen wir nur mit einer starken Staatengemeinschaft, die sich dem Weltfrieden verschreibt. Das Recht des Stärkeren besiegt man nur mit der Stärke des Rechts. Die Einschüchterung und Diktatur mit Widerstand und Gemeinschaft. So wie es uns die Geschichte lehrt, damit sie sich nicht wiederholt. Und für diesen Zusammenhalt, für den Frieden, die Demokratie und den Glauben an eine bessere Welt, dafür sind wir heute hier. Und in dem Sinne seid ihr es, die mir heute Hoffnung gebt. 

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